Hubschrauberpilot gilt als Traumberuf. Doch der Alltag der Besatzung des „Christoph 44“ ist nicht immer traumhaft. Ein Besuch bei der DRF Luftrettung in Göttingen.
In den Pfützen am Boden bilden sich erste kleine Wellen. Der sich in ihnen spiegelnde graue Himmel beginnt zu verschwimmen. Immer mehr Regentropfen werfen immer neue Kreise. Dann stören schwarze Lederschuhe ihre Bahnen. Ein Mann, komplett in Orange gekleidet, schreitet über den nassen Beton. Sein Name ist Frank-Michael Jaenke. Er steigt in einen Gabelstapler und zieht „Christoph 44“ aus seiner nächtlichen Behausung hinaus in den Regen.
Jaenke ist 36 Jahre alt und Hubschrauberpilot. Ein stämmiger Mann mit kurzen schwarzen Haaren und frisch rasiert.
„Unser Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr“, erklärt er, nachdem der Gabelstapler zurück in der Garage ist. „Schichtende ist bei Sonnenuntergang.“
Im Sommer arbeiten die Piloten vier Tage am Stück und haben anschließend vier Tage Pause. Im Winter, wenn die Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang viel kürzer ist, sind es sieben Tage Arbeit und sieben Tage Pause.
„Das Privatleben leidet natürlich. Wenn die Freundin nicht an solch einen Lebensrhythmus gewöhnt ist, kommt es oft zu Problemen“, erzählt Jaenke. Neben ihm steht Rettungsassistent Jörg Stöber, 47. „Die Scheidungsrate in unserem Beruf ist nicht ohne Grund sehr hoch“, fügt er hinzu.
Die Station der DRF Luftrettung in Göttingen besteht aus zwei Arbeitszimmern, einem Schlafzimmer, einer Toilette, einem Aufenthaltsraum und einer Küche, in der Notärztin Monica Scortea, 37, gerade Kaffee kocht. Im Arbeitszimmer sitzt die männliche Besatzung vor ihren Computerbildschirmen. „Papierkram bringt der Job auch mit sich.“ Jaenke blickt auf. „Emails beantworten, Anträge stellen, Patientendaten übermitteln. Auch der Hubschrauber muss regelmäßig gewaschen werden.“ Neben Aktenordnern und Lehrbüchern liegt die Speisekarte eines Pizzadienstes.
Um 7.32 Uhr springt Jaenke plötzlich auf. Ein kleines schwarzes Gerät an seinem Gürtel hat angefangen zu piepen. Nur zwei Minuten später ist der Hubschrauber in der Luft. Einsatzmeldung: ein Mann ist von einer Leiter gefallen. Nur wenige Minuten später landet der Hubschrauber auf einer Wiese. Ein ebenfalls alarmierter Rettungswagen trifft zeitgleich ein. Während sich Notärztin und Rettungsassistenten um den Verletzen kümmern, bewacht der Pilot seine Maschine. Nachdem der Patient stabilisiert wurde, wird er, begleitet von Scortea, im Rettungswagen ins Klinikum transportiert. Der Hubschrauber fliegt ohne Ärztin zurück zur Station. Was mit den Patienten später passiert, erfahren Jaenke und Stöber nur selten. Eine Ungewissheit, die sowohl beruhigend als auch quälend sein kann. Im Fall des Leitersturzes ging alles gut, wird Scortea später berichten. Doch manche Einsätze verlaufen weniger glimpflich.
„Vor kurzem wurden wir nach Berndorf in Nordhessen gerufen. Dort hatte ein Vater versucht, seine Kinder mit einem Hammer zu erschlagen. Drei, fünf und sieben Jahre alt. Alle drei saßen mit offenen Schädeln in einer Ecke. Sie konnten einander sehen. Das Blut und die Löcher. Als die erste Notärztin eintraf, war ein Mädchen sogar noch ansprechbar.“ Jaencke senkt kurz den Blick. „So etwas vergisst man nicht einfach.“ Mit seinen Gefühlen umzugehen – das will gelernt sein. Im Rettungsdienst gehören Nachbesprechungen daher zur Tagesordnung. „Man muss über seine Erlebnisse reden“, sagt Stöber. „Wenn man abstumpft, dann geht die Menschlichkeit flöten.“
Es ist Mittagszeit. Doch an eine Pause ist nicht zu denken. 12.29 Uhr. Wieder piepen die Alarmmelder. Wieder ein Einsatz. Und wieder hebt „Christoph 44“ ab. Es gilt Leben zu retten. Auch bei Regen.


