Die Bundesagentur für Arbeit in Göttingen mutet ihren studentischen Besuchern einiges zu. Die Öffnungszeiten beschränken sich auf den Vormittag. Von 7.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet, steht auf der Internetseite. Also heißt es früh ins Bett gehen, um am nächsten Tag rechtzeitig aus dem Bett zu kommen. Um vier Uhr schlafe ich schließlich ein. Die ersten Vögel beginnen schon zu zwitschern.
Nach ausgiebigem Gebrauch des Schlummermodus an meinem Wecker quäle ich mich um kurz vor elf aus dem Bett. Bevor ich unter die Dusche kann, huscht mein Mitbewohner ins Bad. „Muss nur kurz aufs Klo.“ Ich gehe in die Küche und trinke ein Glas Wasser. Soll gut für den Körper sein, hab ich irgendwo gehört. Als das Bad schließlich frei ist, putze ich mir die Zähne und steige unter die Dusche. Hier fühle ich mich schlecht, weil auf meinem Shampoo nicht „Ohne Silikone“ wie auf den anderen steht. Ob meines wiederverwertete Brustimplantate enthält?
Abtrocknen. Kontaktlinsen einlegen und anziehen. Obwohl es draußen warm ist, ziehe ich eine lange Hose und ein schwarzes Hemd an. Schließlich will ich gut aussehen bei meinem ersten Gang „zum Amt“.
Dort angekommen parke ich mein Fahrrad und sehe mich um. Vor der Eingangstür unterhalten sich zwei Menschen. Ich setze die Sonnenbrille ab und gehe auf sie zu. Ob die Schlange bis hier draußen geht, frage ich mich. Doch es sind nur der Hausmeister und ein Mitarbeiter. Sie unterhalten sich über das Wetter und die Wochenendepläne. Sie machen mir Platz und ich betrete die Eingangshalle. Ein großes Schild weist mir den Weg: „Empfang“. Immer auf der Suche nach einer riesigen Schlange von Arbeitslosen gehe ich weiter. Die müssen hier doch irgendwo sein. Schließlich ist Rezession. Doch selbst als ich den Empfang erreiche: fünf Sachbearbeiterinnen hinter ihren Tischen und nur ein Kunde. „Bitte Diskretion wahren“ steht auf einem Schild. Ich wahre so gut ich kann. Dann ruft mich Frau Fischer zu sich. Sie ist jung, trägt eine Brille und will so gar nicht meinem Bild einer typischen Arbeitslosenamtmitarbeiterin entsprechen: sie ist freundlich.
„Guten Tag, was kann ich für Sie tun“, werde ich gefragt.
„Hallo. Ich bin gerade mit dem Studium fertig geworden und man hat Sie mir empfohlen“, antworte ich.
Sie lächelt und bittet mich nach meinem Ausweis. „Haben Sie in den letzten zwei Jahren für zwölf Monate oder mehr Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gezahlt?“
Ich verneine. Mit vielen 400-Euro-Jobs kann ich dienen. Die nützen mir hier wenig.
„Was haben Sie denn studiert?“
Meine Antwort verwirrt sie. Magister scheint in Zeiten von Bachelor und Bachelorette niemand mehr zu kennen. Nachdem sie meine Daten in ihren Rechner eingegeben hat, drückt sie mir einen Zettel in die Hand.
„Mit diesem Zettel können Sie jetzt Arbeitslosengeld II beantragen. Allerdings nicht hier im Haus sondern beim Landkreis. Die haben allerdings nur bis zwölf Uhr geöffnet.“
Ein Blick auf die Uhr. Noch 19 Minuten. Ich bedanke und verabschiede mich.
Wieder draußen schließe ich mein Fahrrad auf und mache mich auf den Weg. Bis zum Rathaus sind es zwei Kilometer. Mit Gegenwind und aufgehalten von vielen roten Ampeln erreiche ich um 11 Uhr 46 das Ziel. Auch hier ist keine Schlange zu sehen. Ob die Arbeitslosen schon alle Wochenende haben?
Was ich hingegen bemerke, ist ein qualitativer Unterschied zur Agentur für Arbeit. Während dort vieles hell, modern und angenehm wirkte und selbst die Mitarbeiterinnen freundlich und gut gekleidet waren, treffe ich hier auf das genaue Gegenteil. Es ist dunkel und stickig. Die Beschilderung verwirrt mehr als sie hilft und von Ansprechpersonen ist weit und breit nichts zu sehen. Irgendwann stehe ich vor einem Nummern-Automat. Ich drücke einen Knopf und halte wenig später die Nummer 24 in meinen Händen. Ein Gong ertönt und ich frage mich, wie ich herausbekomme, ob das vielleicht schon meine Nummer ist. Ein vorsichtiger Blick um die nächste Ecke und ich befinde mich in einer Art Wartehalle. Immerhin bin ich nicht alleine. Ein Mann sitzt an einem großen Tisch und füllt Unterlagen aus. Eine Frau versteckt sich hinter einem Computer und schreibt an ihrer Bewerbung. Tipps dafür stehen groß an der Pinnwand. Hier finden sich auch die neuesten Jobangebote: Pizzalieferant, Schneiderin, Maurer oder Altenpflegerin.
Der nächste Gong ertönt und ich entdecke eine Anzeige. Neben der 24 leuchtet nun der Raum Nummer Fünf auf. Das richtige Zimmer zu finden gestaltet sich schwieriger als gedacht. Auf die Sieben folgen Vier und Drei, bevor ich schließlich bei Nummer Fünf klopfe und eintrete. Und wieder glaube ich, im verkehrten Film zu sein. Eine ältere Dame blickt mich an. Statt zu grüßen will sie meinen Nummernzettel haben. Anscheinend wird man hier nach Nummern bezahlt. Ich reiche ihn ihr und erkläre mein Problem. Daraufhin drückt sie mir mehrere Zettel in die Hand.
„Die müssen Sie alle ausfüllen. Wenn Sie in einer WG wohnen, müssen sie die hier skizzieren. Außerdem brauchen wir alle Unterlagen der letzten drei Monate. Kontoauszüge, Versicherungsdaten und Angaben des Vermieters.“ Ich frage, ob meine Lebensversicherung weiterlaufen kann. „Pro Lebensjahr dürfen Sie 150 Euro besitzen. Darüber hinaus ein Betrag von 750 Euro…“ Sie tippt wie wild auf ihren Taschenrechner ein. „Wie alt sind Sie?“
Das Ergebnis überrascht mich. Knapp 5.000 Euro darf ich besitzen. Anderenfalls erhalte ich kein Arbeitslosengeld. Dass ich außerdem 10.000 Euro BAföG-Schulden durch mein Studium habe, scheint nicht zu interessieren. „Füllen Sie einfach die Zettel aus und kommen Sie dann wieder. Wir schließen nämlich in zwei Minuten.“
Ich verstehe. Da ist sie wieder. Die deutsche Pünktlichkeit. Gepaart mit ein bisschen Bürokratie wird daraus ein gefährlicher Cocktail, den ich heute nicht mehr probieren will. Ich bedanke mich und wünsche ein schönes Wochenende. Eine Antwort bleibt man mir schuldig.
Draußen vor der Tür atme ich erleichtert auf. Die Sonne scheint. Ich stecke die Unterlagen tief in meine Tasche. Ich nehme mir vor, in der nächsten Woche einmal hineinzuschauen. Dann steige ich auf mein Rad und fahre los. Mein erster Gang „zum Amt“ war weniger schlimm als befürchtet. Selbst Schlange stehen musste ich nicht. Vielleicht schreibe ich dem Olaf mal eine Mail. Er soll doch mal nach Göttingen kommen. Hier scheint es keine Arbeitslosen zu geben. Aber vielleicht hatten die heute auch alle nur frei.
