23 Jul

Umziehen im Internet

Die Zeiten, als Menschen noch keine Email-Adressen besaßen und man sich über jede kleine Nachricht in seinem virtuellen Briefkasten freuen konnte, sind lange vorbei. Zu dieser Zeit hatte man auch nichts dagegen, wenn die Mail statt von den Freunden von – nur als Beispiel – Amazon.de kam. Ein paar Hinweise auf das neue Design oder Bücher, die mir vielleicht gefallen könnten, taten nicht weh. Noch nicht!

Seit diesen Tagen ist viel Zeit vergangen. Dank Spam und Co. quellen die Postfächer über, Blackberry-Geräte von wichtigen Männern kündigen im Sekundentakt wichtige Nachrichten an und auch das kleine Newsletter-Bächlein hat sich in einen reißenden Strom verwandelt. Was tun?

Vor kurzem habe ich mir eine neue Email-Adresse zugelegt. Jetzt wird sich der ein oder andere vielleicht sagen: wieso? Behält man sowas nicht ein Leben lang? Dann lautet meine Antwort: mitnichten! Den Beginn machte so gegen 1996 oder 1997 ein Account bei GMX.de. Wenig später kam Hotmail dazu, schließlich wollte ich Dank des MSN-Messengers mit meinen Freunden vernetzt sein. ICQ und AIM steckten damals noch in den Kinderschuhen, Skype war noch nicht erfunden.

Nachdem man mir bei GMX alle meine Emails, die älter als 30, 60 oder 90 (nicht mehr ganz sicher) Tage alt waren ohne Nachfrage löschte, kam der Wechsel zu WEB.de oder auch Freemail genannt.

Freemail wurde für lange Zeit meine virtuelle Postkastenfirma, bis ich aufgrund meiner Arbeit für StudIP und die Universität Göttingen plötzlich mehrere Email-Adressen benötigte – und auch bekam.
Dies lag zum einen an den Adressen, die man bei Arbeitsbeginn bei der Universität beantragen kann und muss, zum anderen an StudIP, das für verschiedene Accounts verschiedene Adressen haben wollte. Also wurden auch gleich meine mittlerweile zugelegten Domains um Mail-Support erweitert und @eljoergen, @uniwave und @yaabaa waren geboren.

Doch zurück zum eigentlichen Problem. Beim jetzigen Umzug wollte ich alles ganz sauber machen. Einmal komplett aufräumen. Meine Domain-Adressen wurde abgeschaltet und überall ausgetragen, Gmail (zwischenzeitlich zu meiner Standardadresse aufgestiegen) und Freemail überwacht. Alle Emails, die in einem Monat eingingen wurden rückverfolgt und entweder geändert (ebay hat nun meine neue Adresse) oder komplett gelöscht. Das war jedoch alles andere als einfach.

Es wird einem erst dann richtig klar, was für ein Müll jeden Tag in seinem Briefkasten aufschlägt, wenn man einmal sammelt. Newsletter von Pokerroom, Lens4care, Amazon, Ebay, FCBayern, Buch.de, Unimall, Quark und vielen mehr. Man bekommt sie, weil man irgendwann mal etwas recherchiert oder eingekauft hat. Weil man irgendwo seine Email-Adresse eingegeben hat. Das muss im Zweifel noch gar nicht direkt auf den Seiten gewesen sein. Das kann auch bei Partnern, Messen oder bei der letzten Befragung in der Innenstadt passiert sein. Irgendwo stand dann im Kleingeschriebenen, dass man sich einverstanden erklärt, kostenlose Werbung per Mail, Post oder SMS von dem Anbieter, der Firma oder dessen Partnern zu erhalten.

Doch wie kommt man da jemals wieder raus?

Auf den meisten Emails steht ganz am Ende und ganz klein versteckt ein Link, der zu einer Seite verweist, wo man den Newsletter wieder abbestellen kann. Das ist manchmal einfach (Email-Adresse wird gleich gesendet und es genügt die Bestätigung per Mausklick), manchmal jedoch ein wahres Vergnügen. Bei Pokerroom muss man erst zwei Mails an den Support senden, Lens4care schickt eine Bestätigungsmail mit einem Link. Erst dann wird die Email-Adresse aus dem Verteiler gelöscht.

Ganz schlimm sind Social-Networks wo das Löschen der Email-Adresse auch meistens das Löschen des Accounts mit sich bringt. Nicht schlimm, allerdings muss man sich dafür erst wieder einloggen. Zum Abbestellen ungefragt zugesandter Werbung muss also erst der Nutzername und dann das Passwort (an das man sich im Zweifel längst nicht mehr erinnert) eingegeben werden. Irgendein Unterpunkt beim eigenen Profil bietet dann die Möglichkeit, seinen Account zu löschen. Oder ihn zumindest “vorübergehend zu deaktivieren”. Falls ich es mir in den nächsten sechs Monaten (!!!) nicht vielleicht noch einmal anders überlege.

Egal. Viele Stunden später ist mein Umzug also abgeschlossen. Wie bei jedem Umzug hatte vieles am Anfang leichter ausgesehen, als es am Ende war. Und deswegen hoffe ich auch, dass es – zumindest im Internet – vorerst mein letzter gewesen ist. Aber wer weiß heute schon, was das WWW in den nächsten Jahren noch für Überraschungen offen hält?

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