Der Drops ist gelutscht. Überschriften mit dem Anhängsel 2.0 waren eine Zeit lang hipp. Auslöser für diesen Nummern-Boom war der Begriff Web 2.0. Es folgten zahlreiche Wortschöpfungen: Mensch 2.0, Journalismus 2.0 oder Sex 2.0. Für Überschriftenerfinder ein schneller Weg, Geld zu verdienen. Für den Konsumenten eher eine Qual. Wusste er doch oft nichts mit diesen Überschriften anzufangen.
Für mich hat Schlaf 2.0 eine völlig andere Bedeutung. Deswegen auch die Zusatznull. Schlaf 2.0.0 steht für schlafen um zwei Uhr nachts. Vorher komme ich derzeit nicht zur Ruhe. Da kann der Tag noch so früh begonnen haben, die Arbeit noch so anstrengend gewesen sein. Selbst Sport hilft nicht.
Zugegeben: der Rhythmus, den ich in den vergangenen Wochen gelebt habe, war auf dem Weg zu gutem und erholsamen Schlaf auch wenig dienlich. Schuld geben muss ich mir selbst, der Fußball-Europameisterschaft und natürlich der Arbeit. Der Arbeit 2.0.
Ein Mensch schläft heute durchschnittlich eine Stunde weniger als noch vor zwanzig Jahren. Grund sind neben den Tauben vor dem Fenster und dem Klimawandel (Menschen stehen früher auf, wenn es noch kalt ist und sie gehen später ins Bett, wenn es endlich kalt ist) natürlich auch die neuen Arbeitszeitmodelle und der gesellschaftliche Druck, immer mehr, immer länger und immer erfolgreicher arbeiten zu müssen. Zwar könnte der hohe Ölpreis und die Überlegung zur 4-Tage-Woche ein wenig Erleichterung schaffen, Schichtarbeit, Bereitschaftsdienst und Rente mit 68,5 Jahren machen jedoch alle Hoffnungen zunichte.
War der Journalist früher immer mit einem eigenen Fotografen unterwegs, so fallen heute oft beide Tätigkeiten in seinen Aufgabenbereich. Muss er das Interview führen, kann er auch gleich ein Foto der befragten Person machen. Lehrer müssen immer häufiger erzieherische Aufgaben übernehmen. Das kann an der elterlichen Inkompetenz liegen. Oft haben diese auch keine Zeit, sich um ihren Nachwuchs ausreichend zu kümmern. Sie müssen zurück in den Beruf – Arbeitszeiten bis 22 Uhr sind keine Seltenheit. Da kann auch der Mutter- oder Vaterschaftsurlaub nicht helfen.
Rettungswagenfahrer leiden nicht nur unter hohem psychischen und physischen Stress, auch machen ihnen 24-Stunden-Schichten und ständige Einsatzbereitschaft das Leben schwer. Wer seinen fünfzigsten Geburtstag noch mit den Kollegen feiern kann, ist eine Ausnahme. Viele scheiden bereits vorher ausgebrannt und körperlich kaputt aus dem Job aus.
Zugegeben: Ich habe keine Kinder. Meine Arbeit ist Teilzeitarbeit und mein Hauptproblem sind die anstehende Magisterarbeit und die Taube vor meinem Fenster. Aber ich kenne viele Menschen, die genau unter diesen Schwierigkeiten leiden. Die Zukunftsängste quälen. Die in ihrer Schule auf unerzogene und verständnislose Schüler treffen. Die fürchten, ihren Job zu verlieren. Und deswegen arbeiten, arbeiten und noch mehr arbeiten.
Momentan liegt der Rekord für ununterbrochenes Wachsein bei elf Tagen. Wenn es so weiter geht, werden wir wohl alle bald unter akutem Schlafmangel leiden. Mit oder ohne Taube.
