25 Jun

Trinkgeld – Geiz ist geil?

Zehn Prozent der Rechnung. So lautet seit vielen Jahren die Formel für erfolgreiches Trinkgeldgeben. Wer mehr gibt, bekommt vielleicht ein zusätzliches Lächeln der Kellnerin oder des Kellners geschenkt. Wer weniger gibt, gilt als Geizkragen.

Trinkgeldgeben ist in unserer Gesellschaft ein ähnliches Tabuthema wie Händewaschen nach dem Toilettengang. Es betrifft uns alle, doch geredet wird darüber fast nie. Warum eigentlich?

In anderen Ländern ist das Trinkgeld bereits in der Rechnung inbegriffen. In Deutschland muss man sich auf die Kopfrechenleistung der zahlenden Kunden verlassen. Und da können ganz unterschiedliche Ergebnisse herauskommen. Wie in den Matheklausuren zu Schulzeiten. Kein Wunder also, dass ein Gast 5,55 EUR auf 6 EUR (9,1 Prozent) aufrundet, während der andere aus 23,50 EUR 25 EUR macht (6,4 Prozent). Zwar klingen 45 Cent tatsächlich nach weniger als 1,50 EUR, prozentual kommt der Kellner oder die Kellnerin im ersteren Fall jedoch auf mehr Trinkgeld. Entscheidend ist also die Höhe des Rechnungsbetrages.

Warum wird dann immer so ein Geheimnis aus dem tatsächlich gezahlten Trinkgeld gemacht? Meist ist und isst man ja mit Freunden zusammen. Am Ende wird die Rechnung a) zusammen oder b) getrennt bezahlt. Bei Fall A ist es jedoch relevant, ob die Summe von allen zusammengelegt wird, oder ob nur eine Person am Tisch bezahlt. In letzterem Fall muss sich der Gastgeber großzügig zeigen. Er will vor seinen Freunden nicht das Gesicht verlieren. Zahlt im Zweifel mit FirmenKreditkarte und gibt ordentlich Trinkgeld. Wird jedoch zusammengelegt, so ist das Chaos meist sehr groß. Es wird versucht herauszurechnen, wer wieviel wovon gegessen hat. Am Ende stimmt zwar der Betrag, an Trinkgeld hat jedoch niemand gedacht. Der Super-GAU für jeden Gastronomiemitarbeiter.

Wird getrennt bezahlt (Fall B), dann müssten die Kellner von jedem Gast etwa zehn Prozent erwarten können. Hier kommt es nun zum Gemauschel. Jeder ist so damit beschäftigt, sein eigenes Trinkgeld zu berechnen, dass den anderen Anwesenden und ihrer Freizügigkeit keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist immer jemand dabei, der in solchen Situationen gar kein oder viel zu wenig Trinkgeld gibt. Und die Rechnung geht meistens auf. Außer Kellnerin oder Kellner kann niemand nachweisen, ob sich die gezahlten 5 EUR aus 4,88 EUR und 12 Cent Trinkgeld oder 3,60 EUR und 1,40 EUR Trinkgeld zusammensetzten. Der Satz “Stimmt so!” wird in jedem Fall gebracht. Ob es nun stimmt, oder nicht.

Ich gebe Trinkgeld. Immer. Und nein, ich rechne nicht ständig nach. So kann es passieren, dass an einem Abend nur acht Prozent, an einem anderen jedoch 12 Prozent gegeben werden. Mich stört das nicht. Ich glaube fest daran, dass es in solchen Momenten mindestens eine andere Person gibt, die genau wie ich nicht nachrechnet. Gemeinsam geben wir an einem Abend dann also sieben und 13 Prozent. Auch wenn wir uns nicht kennen. Damit kann ich leben, damit kann die andere Person leben und damit kann hoffentlich auch der Kellner oder die Kellnerin leben.

Dann bleibt da bloß noch eine Frage offen: Hände gewaschen?

3 Comments

  1. 1 25. Jun 2008 at 8:36
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    Tabuthema Trinkgeld? Warum redet niemand darüber?
    Weil es schlicht und ergreifend zu EGAL ist um darüber zu sprechen.

    Eine flotte und nette Bedienung bekommt mehr, von einem griesgrämiger Lahmarsch lasse ich mir auf den Cent rausgeben. So ist das nämlich mit dem Trinkgeld: eine persönliche Anerkennung der Leistung. Nix mit beamtenmäßig Deutsch “10 Prozent” Sockelbetrag als muss.

  2. 2 25. Jun 2008 at 10:09
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    Also zwei Dinge stören mich hier:
    1) die 10% Regel ist nicht Aufwandsbezogen. Wenn ich statt einer Suppe ein Steak bestelle, hat die Bedienung denselben Aufwand – soll aber das 5x an Trinkgeld bekommen? Nicht mit mir.
    2) Wie Silencer richtig schrieb: die 10% Regel ist nicht leistungsbezogen. Wenn jemand charismatisch bedient, kann er/sie ein kleines Vermögen an Trinkgeld verdienen – wir haben also die Macht der freien Entscheidung. Und so soll es sein.

  3. 3 25. Jun 2008 at 14:09
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    Wie Silencer schon schrieb, das Trinkgeld ist eine Anerkennung der Leistung. ich gebe dann Trinkgeld (je nach aktueller Finanzlage mehr oder weniger großzügig) wenn ich zufrieden war. Wenn ich nicht zufrieden war, gibt es auch kein Trinkgeld. So einfach ist das. Wenn Bedienungen meinen, sie hätten generell einen Anspruch auf Trinkgeld und müssten sich deshalb gar nicht erst bemühen, dann gibt es erst recht nix.

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