21 Jun

Die Gefahr des nächsten Mittwochs

Es ist tatsächlich passiert. Nach Deutschland zieht die Türkei ins Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft 2008 ein. Am nächsten Mittwoch kommt es zum direkten Aufeinandertreffen. Die einen haben es gehofft, die anderen befürchtet.

Eines lässt sich nicht von der Hand weisen. War der Einzug der Deutschen gestern mehr oder weniger verdient, so kann sich die türkische Mannschaft bei ihrem Torhüter und der Tatsache bedanken, dass die Kroaten am eigenen Unvermögen gescheitert sind. Sollte die deutsche Mannschaft am kommenden Mittwoch ähnlich stark spielen wie gegen Portugal, so muss sich die Türkei etwas einfallen lassen. Leicht wird es jedenfalls nicht.

Im Jubeln und Autokorsen stehen die Türken zumindest in Göttingen den Deutschen in nichts nach. Vor meinem Haus hat sich kurz nach dem Abpfiff eine kleine Kapelle niedergelassen, die türkische Musik zum besten gibt. Auch das Hupkonzert klingt durch die Nacht. Zwar etwas verspätet gestartet, aber vielleicht hatte der ein oder andere nach dem eins zu null für Kroatien eine Minute vor Ende der Verlängerung bereits den Fernseher ausgeschaltet.

Auf die Polizei kommt am kommenden Mittwoch entweder ein sehr entspannter, oder ein außergewöhlich anstrengender Arbeitstag zu. Neben den deutschen werden diesmal auch die türkischen Fans zu den Fanmeilen und Public-Viewing-Arealen pilgern. Und sicherlich wird es zu Reibereien kommen. Das ist wohl nicht zu vermeiden. Viel zu lange wartet Deutschland schon auf einen Sieg bei einem großen Turnier und viel zu lange dümpelt der türkische Fußball im europäischen Mittelmaß. Für beide Mannschaften steht viel auf dem Spiel.

Auch die Presse wird eine nicht ganz unwichtige Rolle auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander am Fußballabend spielen. Es bietet sich geradezu an, das Verhältnis von Deutschen und in Deutschland lebenden Türken erneut zu thematisieren und ein gegenseitiges Hassbild zu erzeugen. Hier müssen sich die Autoren und Redakteure verdeutlichen, wie gefährlich jedes unbedachte Wort sein kann. Schließlich bilden Türken in Deutschland längst keine Randgruppe mehr, sondern sind zu einem festen Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden. Und das ist auch gut so.

Vorsicht: Presse
Quelle: Screenshot Bild.de vom 21.06.2008

So verwundert es auch nicht, dass nach dem Spiel viele türkische Spieler ihre Interviews auf deutsch führen konnten. Viele von ihnen sind in Deutschland geboren, spielen seit Jahren in deutschen Vereinen und fühlen sich hier ebenso zuhause, wie in ihrem Heimatland.

Der Sieg der Deutschen gegen Portugal war umso schöner, als dass er unerwartet kam. Das Spiel hat für die schlechten Auftritte der Vorrunde entschädigt. Was jetzt noch kommt ist Zugabe. Daher sollten wir es – gleich wie das Spiel am Mittwoch ausgeht – wie im Sommer 2006 halten. Damals gesellten sich die türkischen Fans nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft zu den deutschen. Feierten mit, feuerten an – als ob es die eigene Mannschaft wäre. Wenn man sich diese Tatsache vergegenwärtigt, dann kann man dem nächsten Mittwoch gelassen entgegen sehen. Sowohl auf deutscher, als auch auf türkischer und vor allem auf polizeilicher Seite.

2 Trackbacks

  1. [...] von Semih eingeleitet hätte. Dies versetzte den Kroaten einen derartigen Schock, dass im anschließenden Elfmeterschießen gleich drei kroatische Spieler scheiterten: Modric und Rakitic (Schalke 04) [...]

  2. [...] die Bildzeitung ist Verlass. Gestern nur befürchtet, heute schon Realität. Bei soviel Fußballberichterstattung sollte sich die Zeitung aus dem Hause [...]

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