25 Mar

Von Grabsteinen und dicken Händen

Meine linke Hand war angeschwollen als ich heute Morgen aufwachte. Nachdem ich diese Tatsache zuerst mit meinem gleichzeitig auftretenden Kater entschuldigen wollte, kamen mir beim Zähneputzen dann doch erste Zweifel.

Die Finger ließen sich nicht mehr richtig schließen, weswegen das meiste Wasser zum Nachspülen im Waschbecken statt im Mund landete. Dann fiel mir ein, dass ich in der Nacht zuvor aufgewacht war, weil genau diese Hand unglaublich gejuckt hatte. Da meine Hausapotheke seit dem Umzug aus einer Mediziner-WG rein in ein geisteswissenschaftliches Zufriedenheitshort über Aspirin, Nivea und Sinupret nicht hinausgeht, beschloss ich, meinen Hausarzt aufzusuchen. Schlecht bloß, wenn man so etwas noch gar nicht in Göttingen hat und dann auch noch der Wochentag die Sache verkompliziert.

Heute ist Sonntag. Sonntags machen alle Ärzte blau. Und die, die für mich und dich ihr Wochenende opfern, werden namentlich in Zeitungen erwähnt, die bereits vor Wochen erschienen. Es half also nichts. Ein Blick ins Internet und ich wusste, wer mir heute mein Leben bzw. meine Hand retten durfte.

In der Notfallambulanz angekommen, fragte mich die nette Arzthelferin hinter der Theke gleich nach dem Grund meines Erscheinens sowie meiner Krankenkassenkarte. Als Antwort hielt ich ihr meine beiden Hände vors Gesicht, ließ sie vergleichen, und sagte diese berühmte Zauberformel: “Privat versichert.”

Doch wo ich mit einem herunterfallenden Transparent mit der Aufschrift “Willkommen, lieber Privat-Patient”, Konfetti-Regen, orchestraler Musik und 20 singenden hübschen Schwestern in weißen Minikostümen sowie einem Einzelzimmer mit Blick auf die Leine gerechnet hatte, erhielt ich nur einen Zettel zur Unterschrift sowie die Aufforderung, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Selbst die Familie mit dem weinenden Kleinkind (ein neuer Zahn war durchgekommen) wurde nicht aus der Tür geschmissen – ich musste fast 15 Minuten warten.

Bei McDonalds bekommt man in solchen Fällen immerhin einen Umsonst-Cappuccino. (Erinnerung: Nachlesen, wer von bevorzugter Behandlung von Privatpatienten gesprochen hatte) Als die diensthabende Ärztin dann endlich Zeit für mich hatte, erzählte ich ihr meine Geschichte, sie machte sich ihre Notizen und ließ anschließend meine Leukozyten messen. Muss wohl alles in Ordnung gewesen sein, denn als sie wenig später wieder ins Zimmer kam, verschrieb sie mir ein Antiallergikum und sagte, ich solle die Hand die nächsten Tage kühlen. Damit konnte ich gleich anfangen, denn die beiden Apotheken, die an diesem Sonntag Notdienst hatten, befinden sich in den äußersten Ecken Göttingens. Ich hatte die Wahl zwischen länger, dafür flach und kürzer, dafür bergig. Meine Wahl fiel auf Ersteres und die Petri-Apotheke in Grone.

Ausgestattet mit einer ungefähren Wegbeschreibung der Arzthelferin und dankenswerterweise mit meinem iPod, trat ich gehandicapt die zweite Etappe meiner Tour der Leiden an. Nach weiteren 20 Minuten und einer telefonischen Wegbeschreibung stand ich schließlich vor der Eingangstür der Apotheke. Ein Klingeln, und neben meinem Kopf ging plötzlich eine Klappe auf. Der Herr Apotheker dahinter ließ mich zu der Erkenntnis gelangen: auch Apotheker tragen am Wochenende Schlabber-Look. Nach einer kurzen Schimpftirade auf die Schrift der Ärztin verschwand er in den Weiten seines Ladens und kam nach fünf Minuten mit dem Medikament zurück:

“Macht 25,79 EUR.”
“Kann ich mit Karte bezahlen?”
“Nein, haben Sie kein Geld dabei?”
“Doch, aber nur 15 EUR. Gibt es denn hier eine Sparkasse in der Nähe?”

So kurz vor dem Ziel musste ich erkennen: Krank sein ist erst der Anfang allen Übels.
Also erneut auf mein Fahrrad und nach weiteren 10 Minuten stand ich mit ausreichend Geld ausgestattet erneut vor dem netten Herren in der Jogginghose:

“Das war nicht gegen Sie persönlich gerichtet. Aber wenn ich hier an einem Sonntag meinen Laden aufmache, dann laufen sie gleich alle hier auf und ich bekomm ihn nicht mehr zu.”
Kommentar gestrichen.
“Schönen Tag noch.”

Zwei Stunden nachdem ich von zuhause losgefahren war, hatte ich endlich meine Medizin und konnte mich auf den Heimweg machen. Jetzt erst fiel mir auf, wie passend die Geschäfte der Groner Landstraße an diesem Sonntag angerichtet waren. Beim ersten Grabsteingeschäft fand ich es noch amüsant, mir Werbebotschaften für das Unternehmen auszudenken:

“Greis ist geil.”
“Lebst du noch oder stirbst du schon?”
“Müller Grabsteine – Quadratisch, praktisch, gut!”
“Mein Haus, mein Boot, mein Grabstein.”
“Müller Grabsteine – jetzt auch mit iPod-Connector.”

Nachdem ich jedoch noch an einem weitere “Naturstein-Handel” und einem richtigen Friedhof (dieses Wort ist längst nicht mehr zeitgemäß) vorbeigeradelt war, machten all die Querelen der letzten Stunden plötzlich Sinn: unser Gesundheitssystem möchte gar nicht, dass wir wieder gesund werden.
Eine 90jährige Oma wäre an diesem Tag wohl kaum über den ersten Grabsteinladen hinausgekommen.

One Comment

  1. 1 26. Mar 2007 at 22:46
    Permalink

    Großes Kino an einem Sonntag. Ich stelle da mal meinen Blog dagegen und mein kleines Innenstadterlebenis von letzter Woche. Hoffe die Hand ist wieder normal, muss ja eigentlich oder du hast verdammt lange für den Text gebraucht. Andererseits gibt es ja auch Ghostwriter…. Die Grabsteininschriften würde ich mir sichern lassen. Eins ist ja wohl klar, selbst der geilste Greis muss mal ins Grass beißen. Passender Spruch: “Meyer Bestattungen – Die tun was” oder “die Grab Flatrate: Bringen Sie sich selbst und die nächsten Generationen ihrer mit MB für 9,99 € unter die Erde!”
    Ach ja, die Kirche könnte sich mal mit Alice zusammen tun, von wegen schönste Verbindung und so ;)

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