Es ist nie einfach ein Portrait zu kritisieren. Neben der porträtierten Sache oder Person spiegelt es doch immer auch den Künstler, den Verfasser oder Macher wider. Wie ein Gemälde den Blick des Malers auf sein Model zeigt, so finden sich in der literarischen Variante unzählige Meinungen und Bewertungen des oder der Autoren. Wird ein Buch, ein Gemälde oder eine Fotographie kritisiert, muss auf die Gefahr, die diese Beurteilungen mit sich bringen können, deutlich hingewiesen werden.
Wenn die Grenzen zwischen Autor und Subjekt verschwimmen, wenn neben der Ausdrucksweise des Verfassers auch die behandelte Person ins Zentrum rückt, dann ist der Kritiker gescheitert. Den Inhalt vernachlässigen, um Formales in den Vordergrund zu stellen, funktioniert jedoch nur theoretisch. Um die vorhandene Kritik verstehen zu können, müssen die Hintergründe bekannt sein. Eine gewisse „Grundkenntnis“, ohne die jeder Versuch der Beurteilung zweifellos scheitern muss.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine Rezension des Marcel-Reick-Ranicki-Porträts von Thomas Anz fast schon blasphemisch. Schließlich handelt es sich bei Reich-Ranicki und Anz um zwei der bekanntesten und erfolgreichsten Literaturkritiker der letzten 40 Jahre, die mit ihren Rezensionen und anderen Veröffentlichungen die deutsche Schreibkultur maßgeblich mit beeinflusst haben dürften. Vielleicht gerade deshalb erscheint eine genauere Betrachtung dieses 288-Seiten-Kunstwerkes so reizvoll.
Wo Bilder und Skulpturen dem Betrachter noch Spielraum bezüglich seiner Interpretationen lassen, da ist ein Buch schon sehr viel deutlicher. Handelt es sich bei dem Porträtierten nun noch um eine stark polarisierende Persönlichkeit, dann besteht akute Lebensgefahr. Immer muss sich der „Künstler“ fragen, welche Bedeutung seine Wörter haben können. Schließlich ist ein Porträt schon von Natur aus positiv belegt. Über unbeliebte Personen werden Biographien geschrieben. Über alle anderen Porträts. Dennoch sollte mit Fug und Recht davon ausgegangen werden können, dass, wenn ein Literaturkritiker über einen anderen schreibt, neben höflicher Anerkennung der Leistungen auch kritische Worte nicht fehlen. Wenn Kritik geübt wird, dann setzt dies natürlich eine eigene Meinung des Autors voraus. In dem Moment, wo Anz sich jedoch emanzipiert, wird er angreifbar. Bei einer Person wie Reich-Ranicki ist es abzusehen, dass solch ein Zeitpunkt früher oder später erreicht wird.
Chronologisch geht Anz bei der Aufarbeitung Reich-Ranickis Leben vor. Mit der Geburt in Polen, über den Weg nach Deutschland, die Verfolgung als Jude während des Zweiten Weltkrieges, die beginnende Liebe zur Literatur bis hin zur politischen Karriere und seiner Arbeit bei diversen Tageszeitungen. Wo immer der Ansatz einer Interpretation zu erkennen ist, folgt sofort die Relativierung in Form eines Zitates. Oft entwendet aus Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“, gerne aber auch aus anderen Publikationen von ihm oder über ihn.
Angst vor der eigenen Courage scheint Anz zu lähmen. Freundschaft und Bewunderung gegenüber dem Kollegen verhindern ein tiefergehendes Hinterfragen der manchmal doch fragwürdigen Motive Reich-Ranickis. So wird zu Beginn des Buches sein mildes Urteil über die Deutschen, die sich dem Nazi-Regime nicht widersetzten, thematisiert. Statt Überlegungen anzustellen, woraus diese Meinung resultieren könnte, verweist Anz wiederum auf eine Stelle in Reich-Ranickis Biographie und hält wieder die eigene Meinung zurück. Die Angst, in ein Fettnäpfchen zu treten, scheint schwer auf Anz’ Schultern zulasten. Kritisieren lässt er andere für sich, widmet ihnen als “Reich-Ranickis Freunde” ein eigenes Kapitel.
Die vielen Bilder, farbig unterlegten Einschübe und Erklärungen sowie eine ausführliche Zeittafel und Auswahlbiographie sollen dem Verständnis dienen und für Abwechslung sorgen. Wie ein Filmtrailer wirkt das Porträt. Die Zusammenfassung der Höhepunkte eines Lebens, wobei die Hintergründe (noch) im Dunkeln bleiben. Angerissen wird oft, auf andere Bücher verwiesen noch häufiger. Vielleicht ist dies gar kein Porträt, sondern eine Kostprobe. Ein Ausblick auf die Autobiographie „Mein Leben“. Ein Buch, das Reich-Ranicki nicht zerreißen kann, wohl nicht zerreißen will. Kein Kinoproduzent würde den Trailer seines eigenen Filmes kritisieren. Vielmehr hätte er sich vorher versichert, dass dieser genau nach seinen Vorstellungen entstanden wäre.
Wird die – zurecht – schillernde Persönlichkeit Reich-Ranickis einmal ausgeblendet, bleibt nicht mehr als ein Gerüst, anhand dessen jeder halbwegs begabte Autor ein Porträt hätte zeichnen können. Anz muss es sich ankreiden lassen, dass er nie über seinen Schatten gesprungen ist, nie die Initiative ergriffen hat, um hinter das Offensichtliche zu sehen. Wer dem Porträtierten so nahe steht, hat die Möglichkeit Einblicke zu erlangen, die über das Bekannte hinausgehen. Hier wäre es interessant gewesen aus einer anderen Perspektive und nicht der Marcel Reich-Ranickis auf diesen Menschen zu blicken, der gerade wegen seiner Geschichte zu den bedeutendsten Personen der Gegenwart zu zählen ist. Dies ist Anz jedoch nicht gelungen.
