Wenn Franzi aus der Band aussteigen will, Hendrik Eva mal wieder bei den Fahrten geholfen hat und Clemens beim Schreiben seiner Rede von Elisabeth gestört wird, dann sitzen sie wieder vor ihren Bildschirmen. Millionen Deutschmächtige verfolgen seit nunmehr 3.622 Folgen die Abenteuer der Fernsehserie Gute Zeiten Schlechte Zeiten. Der harte Kern stellt während der allabendlichen halben Stunde Telefon und Klingel ab. Dann darf der Hund nicht nach draußen müssen, der Mann nicht hungrig sein und auch das Kelly-Konzert in der Stadthalle muss hinten anstehen.
Fünfmal die Woche, von 19.40 bis 20.15 Uhr wird mitgefiebert, wenn Leon in den Windeln eines Babys Geld ins Gefängnis schmuggelt. Immer samstags hilft RTL all jenen Fans auf die Sprünge, die unter der Woche verpasst haben, wie Philip nach der musikalischen Trennung von Franzi versucht, eine neue Band mit Sebastian zu gründen. Samstag wird der Vormittag mit 165 Minuten GZSZ „überbrückt“. Bei 4,5 Millionen Zuschauern sind sicher häufig einige Untröstliche dabei, die wegen eines Erdbebens, einer Beerdigung, oder eines Tornados einmal eine Folge verpasst haben. Die nicht sehen konnten, wie Hendrik sich mit Caro im Bluebird trifft. Die die ganze Woche lang schlecht gelaunt sind, weil sie nicht wissen, wie Clemens aus der Nummer ohne Hose noch einmal rauskommt.
Genau von diesen Cliffhangern leben Seriendauerläufer wie GZSZ oder Unter uns. Seit Jahren prägen sie das vorabendliche Fernsehprogramm, und alle Versuche sie zu ignorieren, scheinen wirkungslos an ihnen abzuprallen. Ein Phänomen des Fernsehalltags und beileibe kein deutsches.
Natürlich sind die Rollen klar verteilt. „Muttern“ übernimmt von 19 bis 20 Uhr kurzzeitig die Macht der Fernbedienung. Während sie bügelnd vor dem Bildschirm steht, beginnt die zwölfjährige Tochter ihr Puppenspiel erstmals auf die GZSZ-Stars zu abstrahieren. Der Vater kauft noch Bier für den Champions-League-Abend ein, und der Sohn ist genervt, weil er mal wieder keine Simpsons sehen kann.
Andererseits: Ist es nicht anmaßend, den Fußballliebenden Vater zu verteidigen? Den Sohn in Schutz zu nehmen, weil er lieber kleine gelbhäutige Cartoon-Männchen sieht? Warum sollen Menschen dann nicht Geschichten von Clemens, Sebastian, Franzi und Irina sehen dürfen?
Es ist nicht so sehr die Tatsache, dass sie dies tun. Es liegt vielmehr an der Qualität der Schauspieler und Handlungsstränge. Wenn 30 Sekunden lang das sich ankündigende Verschütten eines Glas Wassers „zelebriert“ wird, dann wünschen sich Augen Dunkelheit und Ohren Stille. Dann ist dieser Moment erreicht, in dem der Kandidat bei Günther Jauch für seine Dummheit verwünscht wird. Wenn die Laiendarsteller in Zwei bei Kallwass wieder dermaßen inbrünstig von ihrer Liebe zu einem Kaktus schwärmen. Wenn die Kunden von Vera am Mittag nach bestandenem Vaterschaftstest diverse Seitensprünge verzeihen. Dann schaltet das Gehirn ab. Dann laufen Bilder über den Bildschirm, die nicht wahrgenommen werden. Nicht wahrgenommen werden müssen. Und vielleicht liegt darin ja der Reiz einer Sendung wie GZSZ. Es ist eigentlich egal worum es geht, solange es stupide und kontinuierlich ist.
Es wird eine Welt geschaffen, in der alltägliche Probleme vorkommen. Aber sie passieren nicht dem Zuschauer. Der kann darüber lachen, weinen oder einfach gleichgültig reagieren.
Soap-Operas sind harmlos. Einmal reinschauen macht noch lange nicht süchtig. Denn einmaliges Zusehen verwirrt mehr, als dass es erklärt. Oder liegt hier vielleicht die Ursache des ganzen Übels?
