19 Nov

Der Presseclub – Oase der Inhalte

Er wirkt wie ein Relikt aus den Anfängen des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens: der Presseclub des Westdeutschen Rundfunks. Immer sonntags diskutieren Vertreter des journalistischen Berufsstandes öffentlichkeitswirksame Themen zu Politik, Kultur und Geschichte. Knapp 45 Minuten lang werden aus Redakteuren und Reportern einfache Menschen in schicken Anzügen und mit noch schickeren Krawatten, die sich Problemen des einfachen Bürgers widmen und diese später auch mit ihm besprechen (Presseclub Nachgefragt).

Zum Thema „Was kann Schwarz-Rot noch reißen? Ein Jahr große Koalition“ hatte Diskussionsführer Peter Voß an diesem Sonntag fünf mehr oder weniger gesprächige Gäste eingeladen. Aus ganz Deutschland waren die Pressevertreter angereist, um die derzeitige Lage im politischen Deutschland zu analysieren.

Rudolf Hickel, Professor für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen, legte gleich zu Beginn ein ordentliches Tempo vor. Zur Wirtschaftspolitik des vergangenen Jahres äußerte er sich positiv, schließlich „wurde doch nicht viel getan.“ Mit den Steuererhöhungen im nächsten Jahr werde der Aufschwung der Konjunktur jedoch wieder abgebremst werden.

In dieselbe Kerbe schlug auch Henning Krumrey vom Nachrichtenmagazin Focus. Viele Veränderungen seien doch noch der Agenda Schröders zuzuschreiben und vermisst habe er ein wenig Konsequenz im Auftreten der jetzigen Regierung. Lobende Worte fand er für Münteferings Durchsetzungsvermögen in Bezug auf die Lebensarbeitszeiterhöhung.

Die Rente mit 67 Jahren war daher eines der zentralen Themen dieser Gesprächsrunde und gerade Hickel und Krumrey hatten sichtlichen Spaß am gegenseitigen Belehren. Begriffe wie Rentenkürzungspolitik, Rentenformelfehlabdrücke oder die Legendenbildung von Hartz 4 prasselten auf die Zuschauer ein und bald wurde deutlich, wer die eigentlichen Hauptprotagonisten an diesem Mittag waren.

Die einzige Frau in der Runde, Susann Michalk von der Lausitzer Rundschau, hatte ihren großen Auftritt beim Thema Arbeitslosigkeit. Zwar hätten sich die Zahlen im letzten Jahr verbessert, doch gäbe es immer noch ein Ost-West-Gefälle. Hartz 4 hätte für eine größere Kluft zwischen Arm und Reich gesorgt und der technische Fortschritt würde den Arbeitsmarkt in Zukunft noch weiter belasten.

Als schließlich die Probleme innerhalb der Parteien angesprochen wurden, war die Sendung schon fast zu Ende.

Matthias Gierth vom Rheinischen Merkur sah die innerliche Gespaltenheit als Ursache für die momentanen Umfragenwerte der beiden Volksparteien SPD und CDU. Weiter kritisierte er die Unehrlichkeit zwischen Basis und Spitze aber auch zwischen Spitzenpolitikern untereinander.

Anhand der derzeitigen Rüttgers-Debatte verdeutlichte Jens Schneider von der Süddeutschen Zeitung wie profillos sowohl CDU, als auch SPD momentan wären. Eine Kanzlerin Angela Merkel, der Frieden innerhalb der Partei und auch innerhalb der Koalition am wichtigsten seien, könne auf Dauer nicht regierungsfähig sein. Mit dem Vorstoß ihres nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten wurde Merkel in grundsätzlich SPD-beherrschte Gewässer geworfen. Diese sei momentan jedoch nicht in der Lage, Kapital daraus zu schlagen. Noch immer nicht aus der postschröderischen Lethargie erwacht, müsse man laut Hickel dringend wieder zu den eigenen Ursprüngen zurückkehren.

Eine interessante und gefällige Diskussion endet schließlich ohne Fazit, aber mit einer weiteren Frage. Voß richtet sie an die Zuschauer und Anwesenden: „Es wurde wenig über Kurt Beck gesprochen. Spricht dies für seine Stärke?“

Die Stärke des Presseclubs liegt vordergründig in seiner Instanz. Seit vielen Jahren schon kann sich die Sendung über Zuschauerinteresse nicht beschweren. Neben der Tagesschau ist er das älteste Markenzeichen der ARD und dies merkt man ihm auch an. Ein graues Studio, der vollständige Verzicht auf Bilder, Dekorationen oder Lichteffekte. Bloß ein Moderator und seine Gäste. In der heutigen Reizüberfluteten Gesellschaft vermag ein Format wie der Presseclub vielleicht gerade deshalb zu überleben. Ein Refugium für all jene Menschen, denen Inhalte noch wichtiger sind, als bloße Effekthascherei. Fast möchte man es ihm wünschen.

One Comment

  1. 1
    Maximiliano Berrios
    28. Nov 2006 at 7:00
    Permalink

    Hola Jorgen como estas ? , apesar de que no entiendo lo que esta en tu blog, queria saludarte, pedirte que me des tu correo para poder escribirte .. ok ?
    bueno nos vemos .. chauuu
    Maximiliano Berrios Arica – Chile

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