Der Versuch, zwei Anzeigenblätter zu analysieren
Thomas Philipps, MöbelBoss, Edeka, Kaufland, SchuhCenter, eplus, Mediamarkt, tegut, Rossmann, real, Saturn. Sind die Beilagen erst entfernt, bleibt nicht viel übrig von der eigentlichen Zeitung.
Wie ein wärmender Mantel legen sich beim Extra Tip 26 Zeitungsseiten um 178 Seiten Werbeprospekte. Fast möchte man glauben, die grauen Zeitungsseiten wären nur Regenschutz und Schnellhefter für das wirklich Wichtige: den Staubsauger für 49,99 Euro, die junge Pute für 1,99 Euro/Kilo und die Gardinenstange ab 4,99 Euro. Sowohl der Extra Tip, als auch der Blick scheinen beim ersten Betrachten mehr notwendiges Übel denn ernsthaftes Presseerzeugnis zu sein. Doch nicht vorschnell urteilen!
Der Blick
Beim Blick vom 1. November reihen sich im ersten Buch „Wirtschaft im Fokus” und „Musik, Kino, Veranstaltungen, Kultur und Theater” aneinander. Das zweite Buch beginnt mit der „Göttinger City am Puls der Zeit” und „Meldungen kompakt” auf Seite 9, bevor den Studierenden der Göttinger Universität eine eigene Seite („Unique – Die Uni im Blickpunkt”) gewidmet wird. Es folgen kleinere Mitteilungen, die sich inhaltlich nur selten von Werbebeiträgen unterscheiden lassen und die wöchentliche Frageaktion „Doppelpass.” Hier stellen sich immer zwei Personen ähnlicher Berufsschichten den gleichen Fragen.
Das dritte Buch informiert auf der ersten Seite über neuen Stauraum im VW Zentrum in Göttingen, gibt Hinweise über Veranstaltungstermine zur Herzschwäche und zeigt Jörg Rüsseler in Großformat. Dessen Spezialitäten vom schottischen Hochland-Rind wurden bei der elften Northeimer Qualitätsprüfung schließlich mit Bronze, Silber und Gold prämiert. Wer es nicht wissen wollte, hat hier Pech gehabt. Genauso munter geht es weiter. Ein Kreisel entlastet seit kurzem Autofahrer in Bovenden. Erfinderische Mitbürger können sich unter einer abgedruckten Telefonnummer auch in Zukunft direkt beim Ordnungsamt melden, so sie denn weitere Verbesserungsvorschläge haben. Mein Vorschlag: statt eines Bildes der Kreuzung vor dem Umbau, doch einfach ein aktuelleres abzudrucken…
“Gmpfltmaaadebuataham?” Welche Eltern kennen diese Situation nicht? Da sitzt der Sohn mit vollem Mund am Tisch, nuschelt etwas vor sich hin und niemand versteht ein Wort? Damit ist jetzt Schluss, verspricht die Überschrift auf Seite 16: „Seminar: Söhne verstehen lernen.” Gleich daneben ein Hinweis auf das regelmäßig stattfindende Frauenfrühstück. Na, da kann der Sohn ja gleich mitgenommen werden. Und sei es nur, um das vorher erlernte Wissen anwenden zu können.
Keine Zeitung ohne Sport. Eine ganze Seite verwendet die Blick-Redaktion auf die schönste Nebensache der Welt. Übersichtlich angeordnet erfährt der Leser, welche sportlichen Leckerbissen er am Wochenende verpassen wird. Statt dem SCW Göttingen in der Fußball-Bezirksliga die Daumen zu drücken, wird doch eh wieder die Heimkneipe aufgesucht. Ist auch viel gemütlicher im Warmen sein Bier zu trinken und im Pay-TV den Bremer Luschen beim mickrigen Unentschieden gegen Cottbus zuzusehen.
Wer den Blick jetzt noch nicht liebt, wird spätestens auf Seite 20 glücklich. Hier suchen 125-kg-Herzen nach tageslichttauglichen Schütze-Männern oder 18jährige Mamas mit fünf Kindern und drei Katzen nach vollbärtigen, bebrillten Landwirten, um endlich eine Beziehung fürs Leben finden zu können. Viel Glück den einsamen Herzen.
Burger King am Göttinger Bahnhof sucht Verkäuferinnen, das Studienzentrum von Dr. Raupach benötigt Raucher/innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und das Volkswagen Zentrum lädt zum Reifen-Frühstück ein. Über diverse Anzeigen, den Blick-Auto- und Immobilienmarkt landet der Leser schließlich auf Seite 28. Hier suchen Rauhhaardackel mit Rechtschreibproblemen, Irish-Setter-Welpen aus „dem Grünen Land” und Hausschlachtschweine nach Herr- und Frauchen. Warum diese Annoncen so weit entfernt von den Kontaktanzeigen stehen, muss man sich da zwangsläufig fragen.
Extra Tip
Wo der Blick endet, fängt der Extra Tip vom 5. November an. Seite 1: „Die Miezen-Invasion.” Da jedoch neben einem kleinen Kätzchen auch eine leicht bekleidete Blondine die Titelseite schmückt… – nun ja, Sie kennen die Leier. Den geneigten Bild-Leser wird es freuen.
Neben der Wetterübersicht und zehn Fragen zur Person (heute: Sofia Hult?©n) beherbergt die Seite 2 auch etwas Unterhaltung. Ein Artikel über „Diebische Rentner” lädt selbst den unempfänglichsten Leser zum Verweilen ein.
Die feierliche Übergabe des Bürgermeisteramtes, Aufmerksamkeit haschende Fotos eines schweren Unfalls auf der A7 und die Rubrik „Frag den Wissenschaftler” (diesmal: Wie entstehen Nordlichter?) schließen Buch Nummer 1 des Extra Tip ab. Es kann nur schlechter werden…
Dass das Essen in den deutschen Schulen ungenießbar ist, weiß man auch ohne den Beitrag auf Seite 8. Eine reißerische Überschrift auf Seite 9 verspricht viel: „Uni früh auf Seiten der Nazis”. Wer jedoch mit tiefer gehenden Informationen gerechnet hat, wird enttäuscht. Ein kurzer Hinweis auf eine Gedenkstunde, schon kommen die Veranstaltungstermine und -tipps. Erstaunlich: der Extra Tip weiß anscheinend doch, wie Tipp nach der Rechtschreibreform geschrieben wird.
Unter der Rubrik „Wohnen und Leben,” zwischen den zugehörigen Anzeigen finden sich – ja was eigentlich? – mühsam recherchierte Reportagen über Fertighäuser. Wie erfolgreich sie sind und dass es sie jetzt auch in der Frauenversion mit Wäscheschacht gibt. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
Schließlich noch Kleinanzeigen und Sport, im Gegensatz zum Blick auch überregional, bevor auch die schönste Reise durch den Extra Tip zu Ende geht.
War das jetzt alles etwas durcheinander und verwirrend? Aber selbstverständlich! Man muss sich ja an den Vorlagen orientieren. Ein durchdachtes Konzept scheint beiden Zeitungen zu fehlen. Hier werden keine Anzeigen zu den Beiträgen, sondern Artikel zu den Anzeigen produziert. Aber warum darüber aufregen? Es erfüllen doch nur zwei Anzeigenblätter ihre Pflicht. Und selbst dem mit Werbung zugepflastertsten Esel schaut man – wenn er geschenkt ist – doch auch nicht ins Maul. Also freuen wir uns über die Artenvielfalt der Region und über volle Briefkästen – jeden Mittwoch und Sonntag.
Weitere Informationen:
Der Blick ist das Anzeigenblatt der Regionalzeitung „Göttinger Tageblatt” und erscheint wöchentlich immer mittwochs. Auf seiner Homepage gibt der Verlag eine Auflage von 108.000 Exemplaren an.
Der Extra Tip wird von der Extra Tip Werbungs- und Vertriebsgesellschaft mbH herausgegeben. Er erscheint immer sonntags und kommt laut Verlagsangaben auf eine Auflage von 91.429 Exemplaren.
Beide Zeitungen vereint ihr Verbreitungsgebiet, das sich vom Göttinger Stadtgebiet bis in die umliegenden Gemeinden Nörten-Hardenberg, Dransfeld, Bovenden und Adelebsen erstreckt. Während der Blick zusätzlich noch Duderstadt und Gieboldehausen umfasst, besteht beim Extra Tip die Möglichkeit, auch im Partnerblatt Hallo Sonntag im Eichsfeld zu inserieren.
